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Abgestürzt und Aufgefangen

Ein Rückblick auf die Tagung der Evangelischen Akademie Loccum in Kooperation mit dem LAM vom 7. - 9. Oktober 2011 mit dem Thema:

Müde, erschöpft, ausgebrannt - Die Spannung zwischen krankhafter Erschöpfung und heilsamer Auszeit

Eine gut besuchte und erfolgreiche Tagung zu einem aktuellen Thema gestalteten unser Arbeitskreis für Meditation und die Evangelische Akademie gemeinsam in Loccum. Viele Menschen sind heutzutage in einer von Leistungs- und Zeitdruck geprägten Gesellschaft chronisch müde und erschöpft, nicht wenige von ihnen erleiden das gefürchtete „Burn-out".

Es ist alarmierend: ein Drittel der deutschen Bevölkerung gibt bei Umfragen mittlerweile an, häufig oder ständig gestresst zu sein. Unser Arbeitskreis reflektiert Meditation und ihre Wirkungen in Bezug auf das Individuum und die Gesellschaft. Deshalb ist eine wichtige Frage, welche Rolle Meditation in dieser gesellschaftlichen Situation und in Heilungsprozessen spielen kann.

Chronische Müdigkeit und Erschöpfungszustände sind eindeutig Warnsignale. Was sind ihre Ursachen und wovor warnen sie uns? Welche Bedeutung kann Meditation sowohl bei der Vorsorge als auch bei der Behandlung haben? Solche Fragen stellten die Referenten in ihren Vorträgen und das Publikum diskutierte engagiert mit. In  Workshops die von LAM-Mitgliedern und dem LAM nahestehenden MeditationslehrerInnen geleitet wurden, gab es die Möglichkeit, verschiedene Meditationsweisen  kennen zu lernen und zu erleben. Geleitet wurde die Tagung von Dr. Stephan Schaede, dem Direktor der Akademie, und von Kurt Dantzer und Wolfgang Lenk, den beiden Vorsitzenden des LAM. Im Nachgespräch mit dem LAM brachte der neue Akademiedirektor mehrfach zum Ausdruck, wie gut und erfolgreich auch nach seiner Einschätzung die Tagung gewesen sei.

Für chronische Erschöpfungszustände und das Burn-out-Syndrom gebe es gesellschaftliche und persönliche Ursachen, so Christian Stock, leitender Oberarzt der Berolina-Klinik in Löhne, in seinem Eröffnungsvortrag. Die gesellschaftlichen „äußeren Antreiber" seien besonders die Globalisierung unserer Welt, die Beschleunigung des technischen Wissens und das zunehmende Tempo bei der Produktion von Waren und Dienstleistungen. Eine erhebliche Rolle spielten auch die modernen Lebensumstände: steigendes Lebensalter (Burn-out durch Pflege von Angehörigen), die freie Wahl  der Lebensform mit allen damit verbundenen Unsicherheiten und der Zwang zu beruflicher Flexibilität und Mobilität. Als „innere Antreiber" bezeichnete Stock die persönlichen Merkmale, die die Betroffenen jeweils mitbrächten. Chronisch gestresste Menschen hätten - oft unbewusst - harte innere Leitsätze: „Sei stark!", „Sei perfekt!", „Mach es allen Recht!", „Beeile dich!", „Streng dich an!". Für Christian Stock war selbstverständlich, dass Meditation ein wirksames Mittel -  neben anderen therapeutischen Methoden - beim  Burn-out ist. Eine auf Achtsamkeit basierende Meditation entspanne nicht nur, sondern helfe dabei, die Aufmerksamkeit und Achtsamkeit besser zu lenken. Auch könne das Meditieren den Patienten dabei unterstützen, sich selbst und seine Schwierigkeiten unter anderen, für ihn noch ungewohnten Perspektiven zu betrachten.

Auch für Peter Findeisen, Gründer und Leiter der Caduceus-Klinik, Fachkrankenhaus für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Bad Bevensen, steht außer Zweifel, dass Meditation eine wichtige Ressource im Heilungsprozess ist. Viele seiner PatientInnen seien neugierig auf Meditation oder sie hätten sie bereits gekannt, aber während ihrer Krise den Zugang zur Übung verloren, so der Neurologe und Psychiater Findeisen. Mit Meditation werde der persönliche „innere Beobachter" geschult. Diese innere Instanz nehme

achtsam wahr, was sei, aber enthalte sich der Bewertung. Meditation fördere den Heilungs- und Entwicklungsprozess. Mit Meditation übe man, sich selbst besser zu akzeptieren und lerne vielleicht sogar, sich selbst zu lieben.

Ralf Denkers, Pastoralpsychologe aus Hannover, erläuterte schließlich, wie man chronisch erschöpfte Menschen in „religiöser Kommunikation" seelsorgerisch begleitet. Kompetent machte er deutlich, wie man die Bibel - bezogen auf das Tagungsthema - erstaunlich neu lesen und verstehen kann. In den Evangelien von Markus und Matthäus wird berichtet, dass Jesus am Abend mit seinen Jüngern ins Boot stieg und über den See fuhr zum anderen Ufer. „Bestimmt war seine Arbeit am Abend noch nicht fertig, die Menschen erwarteten noch viel von ihm", bemerkte dazu Ralf Denkers mit einem schelmischen Lächeln. „Viele waren von weit her unter Mühen gekommen, erhofften sich von ihm Segen und Heilung und waren sehr enttäuscht oder wütend, dass Jesus sich ihnen entzog." Als Seelsorger frage er die erschöpften Menschen schon mal: „Wo ist Ihr anderes Ufer?" Spiritualität bedeute für ihn, aufmerksam zu sein für das Leben.

Über alle Themen und Referenten zu berichten - das würde zu lang werden. Hier nur noch ein kurzer Blick auf die Workshops, die am Samstagnachmittag angeboten wurden. Antje Breede und Gunhild Seyfert vom LAM, Rüdiger Maschwitz von Via Cordis und Irmgard Nauck, Leiterin der Kirche der Stille in Hamburg, machten auf je unterschiedliche Weise Innehalten, Achtsamkeit und Meditation erfahrbar. Die Rückmeldungen der Teilnehmenden auf diese praktischen Übungen waren allesamt gut: Sie berichteten sowohl in den einzelnen Gruppen als auch später im Plenum davon, wie berührend, stärkend und hilfreich sie die Übungen erlebt hätten.

Erstaunlich war, welch nachhaltige Wirkung die Workshops auf den weiteren Verlauf der Tagung hatten: die Gespräche unter den TeilnehmerInnen waren fortan offener, die Diskussionen mit den Referenten lebendiger und persönlicher. Viele fanden den Mut, auch im Plenum von sich selbst zu sprechen. Sie bereicherten die Tagung damit sehr.

Auf dieser Tagung war es geglückt zusammengefügt: auf unsere Gesellschaft blicken und ihre Entwicklungen klarsichtig wahrnehmen - und gerade angesichts dieser oft schmerzhaften Realität sich im Glauben verankern und dabei spirituelle Übung und Haltung als stärkend und heilsam erfahren.

Gunhild Seyfert

Bericht zum Download (.pdf)

 

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